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Emotionales Erfahrungen

Es ist okay!

Ein Satz, den ich mir regelmäßig selbst vorbeten muss, um nicht an dem selbsterzeugten Druck zu ersticken, den ich mir manchmal bei meiner Kaninchenhaltung mache – erzeugt durch die schönen und gefilterten Momente auf Social Media.

Damit ihr wisst, dass ihr nicht alleine seid, heute mal ein kleiner Ausflug zu düsteren Gedanken, die mich oft beim, vor oder nach dem Wiesepflücken geplagt haben. Denn auch das ist Realiät in der Kaninchenhaltung – nur redet irgendwie keiner darüber.

Keine Lust

Versuchen wir einmal, das der Reihe nach abzuarbeiten.

Man hat die letzte Wiese aus der Tasche in die Raufe gefüllt, auf den Teller gelegt oder wild im Gehege verteilt und man weiß, man muss los und Nachschub besorgen. Vielleicht sind aber gerade 35 Grad, es regnet oder der Weg ist einem zu weit. Ich kenne das Gefühl.

Generell macht mir das Pflücken total viel Spaß und Freude, aber ich sitze trotzdem manchmal da und kann mich kaum überwinden, mich anzuziehen, alles zusammenzupacken und rauszugehen. Immer wieder derselbe Trott. Auch wenn ich mir über das letzte Jahr verschiedene Routen und Stellen zum Pflücken ausgeguckt habe, fällt es mir oft schwer, die Energie aufzubringen.

Fühlt euch nicht schlecht deswegen, solche Tage gibt es.
Was aber tun, um dem Ganzen zu entkommen? Um mich nicht mehr lustlos auf den Weg zu machen und halbherzig Wiese zu pflücken, habe ich mir für diese Saison vorgenommen, es anders zu machen.

Dann gibt es eben mal Salat

Wenn ich mich dieses Jahr mit der Situation, loszugehen und zu pflücken, überfordert fühle, dann werde ich einfach mal Salat kaufen gehen. Auch davon werden die Kaninchen satt. Auch damit überleben sie und ich kann meine Kraft sammeln und am nächsten Tag ohne Druck und mit neuem Elan losziehen, um die Wiesenbeutel zu füllen.

Wo ist die Wiese hin?

Diesen Schreckmoment habe ich zum Glück erst einmal erlebt, aber das nimmt mir nicht die Sorge vor dem nächsten Mal. Plötzlich war die Wiese abgemäht. Es war einfach alles weg. Platt. Eine grün-braune Masse. Da stand ich erst mal da und war wirklich einen Moment den Tränen nahe.

Wo sollte ich jetzt pflücken? Die Kaninchen brauchten doch etwas zu essen! Wann würde da wieder etwas wachsen? Wie oft passiert das noch? Ich muss ein komisches Bild abgeben haben, wie ich da stand, mit der Tasche und kurz vorm Weinen.

Obwohl ich vorher über Social Media davon gehört hatte, dass jemandes Pflückwiese schon mal abgemäht wurde, war es doch etwas, das mich völlig unvorbereitet getroffen hat, als es mir selbst passiert ist. Und das ist völlig okay!

Am liebsten wäre ich nach Hause gegangen und hätte Salat gefüttert. Stattdessen habe ich das Gebiet weiter erkundet und mir da den Vorsatz gemacht, nach mehr Stellen zum Pflücken Ausschau zu halten. Mittlerweile habe ich so um die zehn verschiedene Orte, bei denen ich pflücken gehe.

Ekel

Ekel ist etwas, über das ich mir vor dem ersten Mal Wiese pflücken gar keine Gedanken gemacht hatte. Einfach Handschuhe anziehen und los – so habe ich gedacht. Aber dass man sich auch vor, bei und nach dem Pflücken ekeln kann, ist mir jeweils erst bewusst geworden, als es zum ersten Mal passierte.

Es ist völlig normal, sich zu ekeln, weil man zum Beispiel durch sehr hohe Temperaturen beim Wiese pflücken schwitzt. Auch bei viel Regen und einem immer schlammiger werdenden Boden kann man sich eklen. Wenn die Schuhe stecken bleiben oder man ausrutscht und hinfällt. Ich bin schon einmal über meine Tasche gestolpert und das hat keinen Spaß gemacht.

Auch habe ich erfahren, dass ich mich vor Schnecken ekle.
Die sind besonders an feuchten Tagen auf Pflanzen zu finden. Ich vermeide es an solchen Tagen nach Möglichkeit, große Mengen zu pflücken. Hätte vorher auch nie gedacht, dass ich mich vor den kleinen Weichtieren ekle. Eine Spinne ist kein Problem, aber eine Schnecke – Game Over.

Gegen den Ekel ankommen

Um den Faktor Ekel so gering wie möglich zu halten, gehe ich nach dem Pflücken schnellstmöglich duschen. Dabei kann man sich auch super nach Zecken absuchen. Auch habe ich ein bestimmtes Paar Schuhe, das ich ausschließlich zum Pflücken trage. Und meistens landet auch die Kleidung sofort in der Wäsche.

Sicherlich ist nicht jeder so empfindlich wie ich. Und das klingt vielleicht übertrieben, aber Ekel kann eine starke Emotion sein. Und es ist okay, sich diese einzugestehen.

Frust

Auch der Frust gehört meiner Erfahrung nach zum Pflücken dazu. Über das Thema der verschwundenen, weil frisch gemähten Wiesen haben wir ja schon gesprochen.

Eine weitere Situation, die mich frustriert, ist, einen Baum zu sehen, dessen Äste so hoch oben sind, dass ich mit meinen 1,66 m nicht herankomme. Da steht dort eine leckere schöne Buche und ich kann nichts davon mitnehmen.

Oder auch, wenn man gefühlt nicht so viele verschiedene Pflanzen gepflückt oder gefunden hat wie andere. In der Pflücksaison sieht man viele Instagram-Stories, in denen Leute zwanzig oder dreißig verschiedene Arten aufzählen, von denen man die Hälfte nicht kennt, sich nicht traut, sie von etwas Giftigem zu unterscheiden oder die man einfach noch nie bei sich auf der Wiese entdeckt hat. Manchmal hat mich das demotiviert – manchmal aber auch angespornt, die Pflanzen ebenfalls zu finden.

Je nachdem, wo in Deutschland man pflückt, wachsen und gedeihen die Gräser und Kräuter ein bisschen unterschiedlich. Während der eine Mitte März schon prall gefüllte Taschen hat, findet der andere erst Mitte April schönes Gras. Bitte behaltet das im Kopf. Es hängt so viel davon ab, wieviel ihr über Normalnull wohnt oder wie weit südlich und wieviel es regnet oder friert. Habt Geduld und lasst euch nicht entmutigen. Und wenn ihr auch erst zehn Pflanzen sicher bestimmen und pflücken könnt, dann ist das einfach super. Lasst euch nicht entmutigen, wenn ihr Pflanzen nicht kennt…

Fehlende Infos und Pechsträhnen

…auch dann nicht, wenn ihr eine Pflanze mit Hilfe des Internets und Apps bestimmt habt, aber dann keine Informationen darüber findet, ob Kaninchen sie essen dürfen oder nicht.

Manchmal findet in einem alten Forenbeitrag aus dem Jahr 2011 uneindeutige Antworten. Der eine schreibt, es sei giftig. Der nächste sagt, seine Tiere rührten es nicht an und der übernächste, er füttere es und es sei noch nie etwas passiert. Wenn mir die Quelle zu unsicher oder “alt” vorkommt, dann lasse ich die Pflanze lieber stehen.

In einer Phase hatte ich auch mal das Pech, dass jede Pflanze, die ich gefunden hatte und bestimmen wollte, immer giftig war. Das habe ich auch als frustrierend empfunden. Da will man neue Pflanzen kennenlernen und eine größere Vielfalt bringen, und dann ist das schöne Kraut da vor einem giftig. Wie schon die drei davor. Ich habe danach bestimmt einen Monat lang keine neue Pflanze zu erkennen versucht, weil ich immer dachte: “Ist bestimmt eh giftig!”

Und dann essen sie es nicht

Danach einmal Waldmeister zu finden, der verfütterbar ist, hatte mich extrem gefreut – zumal ich Waldmeistertee und Wackelpudding sehr liebe. Zuhause musste ich dann feststellen, dass es den Kaninchen relativ egal ist, ob ich Waldmeister mag oder nicht – sie essen ihn nicht.

Dass Kaninchen sich nicht immer sofort auf alles Neue stürzen, sondern erst einmal schnuppern und später probieren, ist normal. Es gibt Wiesengräser, die sofort und ohne Zögern verspeist werden, aber eben auch das andere.

Nur wenn sie es auch nach Wochen des immer wieder neu Pflückens und Anbietens nicht essen – ja, dann kommt auch manchmal Frust hoch. Ich weiß noch genau, dass unter den ersten Pflanzen, die ich gerlent habe, Knoblauchrauke und Goldnessel waren. Beides leicht zu bestimmen aufgrund von Geruch und Aussehen und beides wird hier einfach liegen gelassen. Das war ein kleiner Dämpfer.

Nervig finde ich es übrigens auch, vertrocknetes Laub in der Tasche zu finden oder Müll auf der Wiese beim Pflücken zu sehen.

Unsicherheit

Unsicherheiten gehören im Übrigen auch dazu. Manchmal sehe ich eine Pflanze und bin mir nicht ganz sicher, ob es die ist, für die ich sie halte. Wenn meine Pflanzenbestimmungs-App und auch das Internet meine Unsicherheit nur mäßig besänftigen können, entscheide ich tatsächlich aus dem Bauch heraus.

Dabei ist es auch schon mal passiert, dass ich etwas gepflückt habe und es zu Hause dann doch lieber dem Bioabfall zugeführt habe, als es in die Raufe bei den Kaninchen zu legen – weil ich mir dann eben doch unsicher war. Sollte natürlich nicht dauernd vorkommen, aber es kann passieren und auch das ist in Ordnung.

Am Ende…

…geht es ja nur darum, den Kaninchen die artgerechteste und gesündeste Ernährung zu bieten. Das ist alles schön und wundervoll, aber ich wollte hier einmal die Schattenseiten auflisten, die mich manches Mal beschlichen haben und über die nie jemand redet.

Vielleicht findet sich jemand in diesen Worten wieder. Vielleicht denken auch ein paar da draußen, ich spinne. Aber das ist egal, solange es nur einer Person hilft, zu wissen, dass sie nicht alleine mit diesen Gefühlen ist.

Ich verspreche euch jedenfalls, man sieht die Welt mit anderen Augen, wenn man einmal mit dem Pflücken begonnen hat.




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Eine Antwort auf „Es ist okay!“

Danke für diesen offenen und extrem guten Beitrag.
Die Gedanken, die du äußerst, hatte ich auch schon öfter und ich sehe das inzwischen auch als das, was es ist: Druck, den man such selbst aufbaut! Ich feier es, dass du auch schreibst “dann gibt es eben Salat” – ich handhabe das genauso. Ich liebe meine Tiere und tue alles, was geht, aber manchmal muss man auch einfach auf sich schauen!

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