Kategorien
Emotionales Ernährung

„Du übertreibst!“ – Teil 2

Weiter geht es mit dem Satz, den sich bestimmt schon jeder verantwortungsvolle Halter anhören musste. Im letzten Beitrag ging es um das Thema Platz, dieser widmet sich dem Thema Futter.

Sprüche

Wer kennt die Sprüche nicht, die mit dem Thema Futter aufkommen? „Das mit dem Pflücken ist aber ganz schön viel Aufwand. Findest du nicht, dass du da etwas übertreibst?“
„Von zu viel (hier beliebiges Grünfutter einsetzen) bekommen die Durchfall.“ „Früher haben wir aber auch nur dieses Müsli gefüttert und unser Hoppel ist auch sechs geworden!“

Abgesehen davon, dass Kaninchen in artgerechter Haltung bis zu zwölf Jahre alt werden können, ist es wie meistens ein schwaches Argument, mit „früheren Zeiten“ zu vergleichen.

Schwarz-weißes Kaninchen mit Forsythienzweigen

Ich war mal mit meiner Schwester unterwegs und wir haben gepflückt. Irgendwann meinte sie: „Und so Futter aus dem Supermarkt kaufst du gar nicht für die?“ Ich antwortete ihr: „Doch doch. Im Winter für Salate und Kohl.“ Sie schaute ein bisschen verwirrt und schob ein: „Nein, ich meine so Pellets und Ringe und so.“ Ich schüttelte den Kopf und versuchte sie über die Probleme mit dieser Art Futter zu überzeugen. Da war ihre Antwort: „Man kann es auch übertreiben.“

Das war übrigens der Anstoß für diese Beitragsreihe.

Futter

Wie die meisten habe auch ich am Anfang gedacht, dass man Kaninchen mit Trockenfutter ernährt. Gepresste Kräuter in lustigen Formen, getrocknete Gemüsestücke, zusammen mit Johannisbrot, Erbsenflocken und harten Maiskörnern. Manchmal findet man auch Erdnüsse oder Cornflakes-artige Dinge in den bunten Müslimischungen, die es, meist in Plastiktüten, überall zu kaufen gibt – ob im Supermarkt, beim Zoogeschäft oder an der Tankstelle.

Leider hält sich dieser Irrglaube hartnäckig. Manche achten vielleicht darauf, dass es getreidefrei und zuckerarm ist, und denken, sie tun schon das Beste für ihr Tier. Doch wie bereits in meinem Beitrag zum Thema Treats erwähnt, sind Pellets und Trockenfutter kein geeignetes Futter für unsere Kaninchen. Nicht nur, dass sie zu Übergewicht führen können – schlimmer ist es eigentlich für die Zähne und den gesamten Verdauungstrakt.

Im Folgenden versuche ich so einfach wie möglich zu erklären, warum man einfach kein Trockenfutter füttern sollte, darf und muss.

Zähne

Noch mal ein kleiner Reminder: Kaninchen kauen anders als wir.

Wir zerquetschen und kauen unsere Nahrung. Kaninchen mahlen ihr Futter mit den Backenzähnen. Da diese, wie auch die Krallen, das ganze Leben lang nachwachsen, sitzen die Zähne eines Kaninchens lockerer im Kiefer. Wird nun zu viel Druck auf dieses empfindliche Gebiss ausgeübt, kann es schnell zu Fehlstellungen, Abbrüchen und sogar zu durch den Kiefer gedrückten Zähnen kommen – sei es nun durch den Unterkiefer oder oben Richtung Auge.

Schwarz-weißes Kaninchen mit Schafgarbe im Mund, daneben Lavendelblüte

Da ich, anders als z.B. die Betreiberin von kaninchenwiese.de, keine (angehende) Tierärztin bin, ist das hier eher grob und liebhabermäßig beschrieben. Wer mehr zum Thema Zahnerkrankungen wissen möchte oder tiefer in die Materie einsteigen will, wie (Trocken-) futter und Zähne zusammenhängen, sollte dort nachlesen.

Restliche Verdauung

Neben dem Schaden, den hartes Trockenfutter an den Zähnen anrichten kann (und über kurz oder lang wird), leidet auch der restliche Verdauungsvorgang unserer Tiere.

Unsere Kaninchen sind Frischköstler oder auch Blattspitzenköstler. Sie brauchen frisches, weiches, grünes und krautiges Futter, um gesund und glücklich durchs Leben zu hüpfen.

Hüpfen ist da ein gutes Stichwort – denn das bringt den Darm in Schwung. Kaninchen haben – leider – eine eher schwach ausgeprägte Darmmuskulatur. Und kommt da jetzt ein trockener, harter Klumpen an Stelle eines weichen, flüssigen und gemahlenen Nahrungsbreis, kann es zu schmerzhaften und lebensbedrohlichen Verstopfungen kommen – gerade, wenn dann noch der Fellwechsel hinzukommt.

Kaninchen sind so gebaut, dass sie den größten Teil ihres Flüssigkeitsbedarfs aus ihrem Futter ziehen. Getrocknete, bunte und harte Mischungen, Knabberstangen und Müslis aus der Tüte wirken alleine schon unter dem Aspekt ungeeignet. Wir würden ja auch keinen Zwieback oder Knäckebrot wählen, wenn wir unseren Wasserhaushalt nur durch Nahrung füllen müssten.

Apropos Knäckebrot

Altes Brot, Zwieback und Ähnliches ist nicht nur wegen der Konsistenz ungeeignetes Futter für Kaninchen, sondern auch wegen der Zutaten. Kaninchen sind Veganer! Von verarbeiteten Lebensmitteln von zum Beispiel Milch und Ei haben sie nichts außer Bauchweh.

Schwarzes Kaninchen isst Löwenzahn, Ampfer, Schafgarbe und Berufkraut

Auch nützen diese harten Brocken nichts, um die Zähne zu kürzen. Um den Zähnen zu helfen, sich abzunutzen, braucht es etwas, das härter oder gleich hart ist wie ein Zahn. Und das sind nur die Zähne selbst. Die Kaninchen nutzen ihre Zähne dadurch ab, dass sie ihr weiches, frisches Grünfutter zwischen ihnen zermahlen – wie Mühlsteine.

Weiterer Mythos: die Heudiät

Wer bis hierhin aufmerksam gelesen hat, weiß, dass trockenes Zeug nichts in Kaninchenmägen zu suchen hat. Auch Heu fällt genau genommen in die Kategorie „Trockenfutter“. Trotzdem sollten Kaninchen in der Haustierhaltung immer qualitativ hochwertiges Heu zur Verfügung haben.

Schwarzes und schwarz-weißes Kaninchen mit Heu

Übrigens: zum Thema „qualitativ hochwertiges Heu“ kommt hier bald ein kleiner Extrabeitrag – seid gespannt!

Auch wenn Kaninchen mal einen Tag nur mit Heu überleben können – wenn man zum Beispiel krank ist und kein frisches Futter besorgen kann – ist eine Heudiät absolut nicht empfehlenswert für Kaninchen.

Wie es mit Treats aussieht, habe ich in einem anderen Beitrag bereits ausführlich erläutert.

Der ganze Rest

Die meisten, die wissen, wieviel ich im Winter an Futterkosten für die beiden habe (ca. 50 € pro Woche), sind geschockt. Und gerade, weil meine Kaninchen auch im Winter draußen auf dem Balkon leben, behaupten manche, man müsste gerade da Trockenfutter als eine Art Kraftfutter zufüttern.

Das stimmt so nicht. Salate, Kohl, Kräuter und Gemüsegrün haben sowieo schon mehr Kalorien als die Wiesenernährung, und durch das dicke Winterfell, mindestens ein Partnertier und genügend Platz sind sie gut genug vor der Kälte geschützt.

Schwarzes Kaninchen mit Kohlrabiblatt

Wenn man die Gründe aufzählt, die gegen Trinkflaschen, auch Nippeltränken genannt, sprechen und darauf hinweist, dass Kaninchen eher einen Napf mit Frischwasser haben sollten, empfinden das viele auch als „zuviel des Guten“.
Die Flaschen sind unhygienisch und liefern auch nicht ausreichend Flüssigkeit, wenn ein Tier wirklich einmal Durst hat und viel trinken möchte – auch wenn Kaninchen, wie oben erwähnt, den Großteil ihres Wasserbedarfs über das Futter decken.

Ich könnte vermutlich ewig so weitermachen, aber ich denke, ich habe hier das Häufigste und Wichtigste verständlich zusammengefasst und klargemacht, warum wir, die ihre Kaninchen so artgerecht wie möglich halten wollen, nicht übertreiben, wenn wir zwei Stunden auf einer Wiese stehen, anstatt für 1 € eine Tüte „Kaninchenschmaus“ mitzunehmen.

Teilt gerne eure Ergänzungen und Erfahrungen in Bezug auf das Thema Futter mit Anderen in den Kommentaren. Oder schreibt mir über das Kontaktformular oder auf Instagram.

Besuche uns auf Instagram
Teile diesen Beitrag

Eine Antwort auf „„Du übertreibst!“ – Teil 2“

Klasse Beitrag! artgerechte Ernährung als “übertrieben” zu betiteln triggert mich, ehrlich. Leider hält sich der Trockenfutter Mythos immer noch so krass hartnäckig, ebenso wie Kraftfutter in der Winter-Außenhaltung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner